Paralipomena zur Biographie

(Ausschnitte)

Friedrich Goldmann gehört zu jener Generation von Komponisten, die in den Nachkriegsjahren aufwuchs, in den sechziger Jahren studierte und seit dem in wachsendem Maße die Programme des Musiklebens bereichert hat. Sein Komponieren ist auf die Veränderung ästhetischer Normen ausgerichtet, und sein Musikdenken ist geprägt vom Streben nach einem komplexen Wahrheitsgehalt des Komponierten. Er spannt den Bogen vom großen deutschen Musikerbe bis hin zu kompositorischen Konzepten des internationalen Musikschaffens. Alles, was in seine schöpferische Rezeption einfließt, unterzieht er einer differenzierten Wertung. …

Friedrich Goldmann wurde am 27. April 1941 in Siegmar-Schönau (heute Chemnitz) in der Gemeinde Reichenbrand, im westlichen Erzgebirge, geboren. …

Man kann es wohl einen glücklichen Umstand nennen, dass zwischen dem Dresdner Kreuzkantor Professor Rudolf Mauersberger (1889-1971) und dem Chemnitzer Kantor an St. Markus, Johannes Matthes, ein geradezu freundschaftliches Verhältnis bestand. Die regelmäßigen Aufführungen des Kreuzchores in Chemnitz an St. Markus, wo Johannes Matthes Kantor war und bei dem der Kreuzkantor gelegentlich auch zu Hause als Gast gern gesehen war, erklären die enge Beziehung. Dieser persönliche Kontakt führte dazu, dass Mauersberger nach dem Kriegsende den Chemnitzer Kantor bat, mehrere Jungen für die Aufnahmeprüfung und die Ausbildung an der Kreuzschule vorzubereiten. Friedrich Goldmann war der erste in der Reihe dieser Schüler, die von Kantor Johannes Matthes für die Aufnahme an der Kreuzschule ihre Vorbildung erhielten. …

 1951, im Alter von zehn Jahren, wurde Goldmann Mitglied des Dresdner Kreuzchores. …

Das neue musikalische ‚Zuhause‘ mit seinen anspruchsvollen Aufgaben und dem strengen Reglement des Alltags förderten zunächst die geistige Entfaltung von Goldmanns künstlerischen Anlagen. Doch mit den Jahren entsprach gerade diese institutionalisierte Lebensform immer weniger seinen Interessen und musikalischen Vorstellungen. …

Zahlreiche Werke entstanden in dieser Zeit als Kruzianer, unter anderen ein Scherzo für Klavier, eine Sinfonietta, eine Klaviersonate, ein Streichquartett, eine Sinfonie 1 für Orchester (von der der Mittelsatz nicht ausgeführt wurde), die Sinfonia für sechs Bläser, Schlagzeug und Streicher, eine 2. Sonate für Klavier , die Passacaglia für Orchester, ein Concertino für Flöte und Streichorchester und ein Concertino für Kammerorchester. …

1959 kam mit dem Abitur und dem Besuch der Internationale Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt ein großer Einschnitt. Der Besuch in Darmstadt wurde möglich durch die Hilfe vom Gründer und Leiter der Ferienkurse Dr. Steinecke, der Goldmann eine Freistelle gewährte, aber auch durch die Unterstützung von Paul Dessau. So konnte er am Spezialseminar von Karl-Heinz Stockhausen teilnehmen. …

Goldmann begann im September 1959 sein Kompositionsstudium an der Dresdner Hochschule für Musik, das er vorfristig nach nur drei Jahren im Einvernehmen zwischen Student und Hochschulleitung im Sommer 1962 beendete. …

In den Kammermusikwerken und den Orchesterkompositionen aus den Jahren 1959 bis 1962 setzt Goldmann seine stilistischen Erkundungen und kompositionstechnischen Erprobungen weiter fort. …

Partituren von Stockhausens Werken hatte er aus Darmstadt mitgebracht. 1960 lernt er Werke von György Ligeti kennen. Die kompositorischen Konzeptionen von Gustav Mahler und Claude Debussy beginnen ihn zu fesseln, auch erste Anregungen von Pierre Boulez fließen in sein kompositorisches Werk ein. …

Kompositionen aus dieser Dresdner Musikhochschulzeit sind unter anderen ein Prélude pour orchestre, das Orchesterstück ohne Titel, ein Sextett für Flöte, Trompete, Violine, Harfe, Klavier und Schlagzeug, die Strukturen für Orchester, die Transformationen (Hommage à Debussy) für drei Bläser,  2 Schlagzeuge und Klavier und die Klanggruppen I für Klavier. …

Wenn Bühnenmusiken am Berliner Ensemble sich überwiegend mit den Namen Kurt Weill, Paul Dessau oder Hanns Dieter Hosalla verbinden, so hat das Theater unter anderen auch Rudolf Wagner-Régeny, Friedrich Goldmann oder Reiner Bredemeyer mit Aufträgen bedacht. …

Hier am Berliner Ensemble, in dieser aufgeschlossenen Atmosphäre, fand Goldmann als freier musikalischer Mitarbeiter ersten, künstlerisch wichtigen Kontakt zu Heiner Müller und dem Schriftsteller Karl Mickel, zu der Choreografin und Theaterregisseurin Ruth Berghaus, zu dem Dirigenten Herbert Kegel und zu dem italienischen Komponisten Luigi Nono. …

Nach Beendigung des Hochschulstudiums begann Goldmann für zwei Jahre ein Meisterschüler-Studium bei Rudolf Wagner-Régeny an der Akademie der Künste in Berlin. … Auch wenn der Lehrende und der Lernende in so manchen Fragen unterschiedlicher Auffassung waren, sicherlich nicht nur wegen des Altersunterschiedes, so war der Unterricht insgesamt für Goldmanns Selbstfindung von erheblicher Bedeutung. …

Aufgrund vieler offener, drängender Fragen nicht nur kompositorischer Natur, sondern auch und wohl vor allem im ästhetischen Bereich, hoffte Goldmann, die Musikwissenschaft würde ihm Antworten liefern. Aus diesem Grunde studierte er Musikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Seine wichtigsten Lehrer waren Georg Knepler und Ernst Hermann Meyer. …

Einige wichtige Werke aus dieser Zeit von 1964-1968 sind unter anderen die Schweriner Serenade, Sonata quasi una fantasia für Kammerorchester, der Essay II für Orchester sowie zahlreiche Bühnenmusiken zu Theaterstücken von Molière, Goldoni, Shakespeare, Bertolt Brecht und Rainer Kirsch. …

Seit 1968 lebte Friedrich Goldmann als freischaffender Komponist in Berlin. Anfang der 70er Jahre komponierte er seine Sinfonie 1, nur drei Jahre später folgte die Sinfonie 2, im Jahr davor (1975) entstand De profundis für Kammerorchester. In den Jahren darauf schrieb er vier Solokonzerte: für Posaune, für Violine, für Oboe und für Klavier. In den 80er Jahren folgten neben anderen Werken die Sinfonie 3 und die Sinfonie 4. …

In den Anfangsjahren seiner Komponistenlaufbahn vermisste Goldmann schmerzlich das Fehlen von Aufführungsmöglichkeiten etwa in Form von nichtöffentlichen Studiokonzerten, um eine Klangkontrolle über das Geschriebene zu bekommen. Später als freischaffender und zunehmend gefragter Komponist war sein Problem nicht mehr, Aufträge zu bekommen. Ihm bereitete zunehmend die Qualität der Interpretation seiner Kompositionen und die anderer neuer Musik Sorgen. Daher trat er nun häufig selbst als Dirigent eigener und fremder Werke auf. Er arbeitete eng mit namhaften Kammerensembles zusammen, dirigierte aber auch die großen Orchester, unter anderen das Gewandhausorchester Leipzig, die Staatskapelle Berlin und das Konzerthausorchester Berlin, das Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, das Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig (Uraufführung der Sinfonie 3), das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Uraufführung der Sinfonie 4) und das Radio-Symphonieorchester Wien. Die Berliner Philharmoniker führten in drei Konzerten 1994 unter der Leitung von Claudio Abbado, Marcus Creed und Friedrich Goldmann die Gruppen für drei Orchester von Karlheinz Stockhausen auf.

Als Dirigent legte Goldmann den Schwerpunkt naturgemäß auf neueste Musik, seine Programme waren aber auch oft gekennzeichnet von Kontrasten, in denen Werke Neuer Musik mit Werken des klassischen Repertoires und der frühen Moderne kombiniert wurden. Seit den siebziger Jahren gastierte Goldmann auch international als Dirigent, unter anderem in der BRD, Frankreich, Schweden, Norwegen, Südkorea, Russland und den USA. …

Friedrich Goldmann gehörte zu den bedeutenden Lehrern seiner Generation. Seit 1980 unterrichtete er Meisterschüler an der Berliner Akademie der Künste. 1991 erhielt er eine Professur für Komposition an der Universität der Künste Berlin. Dort war er von 2003 bis 2005 Leiter des Instituts für Neue Musik. Die Zahl seiner Schüler ist beträchtlich. …

Friedrich Goldmann starb in Berlin am 24. Juli 2009 im Alter von 68 Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.